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Maren Wehrle: „Zu den Sachen selbst? Phänomenologische Kritik und kritische Phänomenologie"

Akademische Veranstaltungen

Was kann der berühmte phänomenologische Imperativ ‚Zu den Sachen selbst‘ heute noch in Theorie und Praxis bedeuten? Im Zentrum meines Vortrags steht dabei weniger die Frage, was Phänomenologie ist, sondern vielmehr, was wir eigentlich tun, wenn wir Phänomenologie betreiben. Dabei wird die These vertreten, dass sich trotz aller Diversität, Dispute und verschiedener Strömungen, die Methoden und Ziele der Phänomenologie einheitlich darstellen lassen. Alle Phänomenologie, ob klassisch oder kritisch, theoretisch oder angewandt, versucht demnach vorurteilslos zu beschreiben, das Allgemeine zu bestimmen oder fragt zurück nach den Bedingungen.

In diesem Zusammenhang möchte ich die gegenwärtige Bewegung der ‚kritischen Phänomenologie‘ als eine situierte und engagierte Phänomenologie verstehen. Hier verschieben sich der Fokus und die Themen der Beschreibung von vermeintlich allgemeinen oder exemplarischen Erfahrungen hin zu bisher unbemerkten, marginalisierten oder spezifischen Erfahrungsformen und -gegenständen. Anhand dieser Verschiebung auf bisher nicht berücksichtigte Erfahrungen und konkrete Fallbeispiele lässt sich a) die geforderte Vorurteilslosigkeit der Beschreibung kritisch zum Thema machen; b) der Status der vermeintlich allgemeinen und transzendentalen Bestimmung von Erfahrungsstrukturen kritisch prüfen, und c) zurück fragen nach den konkreten, d. h. den historischen und materiellen, Bedingungen dieser spezifischen Erfahrungen.

Die kritische Phänomenologie, so möchte ich argumentieren, nimmt daher die Methode und beständige Methodenkritik der Phänomenologie beim Wort, und entfaltet damit ihr ganzes Potential, obwohl (oder besser indem) sie der Phänomenologie ihre Grenzen aufzeigt.

 

Maren Wehrle ist Associate Professor für praktische Philosophie an der Philosophischen Fakultät der Erasmus Universität Rotterdam. Zuvor war sie Postdoc und Lehrbeauftragte am Philosophischen Institut, Husserl Archiv, der KU Leuven, Belgien. Sie hat in Freiburg Literaturwissenschaft, Historische Anthropologie und Philosophie studiert, 2011 wurde sie hier mit einer interdisziplinären Arbeit zum Thema Aufmerksamkeit promoviert. Ihre Forschungsschwerpunkt sind Phänomenologie, Anthropologie, Cognitive Sciences und Feministische Philosophie. Sie forscht und publiziert zu Themen wie Aufmerksamkeit, Leiblichkeit, Gewohnheit, Gender, Normalität und Normativität.

Zu ihren aktuellen Veröffentlichungen gehören eine Einleitung in die Methode der Phänomenologie (Phänomenologie. Eine Einführung. Metzler/Springer 2022), ein Sammelband zu einer dynamischen und transdisziplinären Theorie der Aufmerksamkeit, herausgeben mit Diego D’Angelo und Elizaveta Solomonova (Access and Mediation: Transdisciplinary Approaches to Attention. De Gruyter 2022), sowie ein Zeitschriftenartikel zum Thema Phänomenologie und ‚Post-truth’ mit dem Titel ‚Can the ‚real‘ world please stand up? The struggle for normality as a claim for reality (Philosophy and Social Criticism 49/2 (2023), 151-163).

 

ICS

Veranstaltungsdetails

02.02.2026, 16:30 Uhr - 18:00 Uhr
Ort: 23.21.U1.44