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Kalendertermin

Heidi Salaverria: "Gegen die Gewalt des Gewissheitswillens. Zu politischen Dimensionen kreativer Zweifel"

Philosophie
Heidi Salaverria (Hamburg):„Gegen die Gewalt des Gewissheitswillens. Zu politischen Dimensionen kreativer Zweifel“

Abstract:

Der Pragmatismus, insbesondere von John Dewey und Richard Rorty, kritisiert das Streben nach Gewissheit, weil diesem ein autoritäres Denken zugrunde liegt. Wie aktuell diese Kritik ist, zeigt das weltweite Wiederaufleben rechten Populismus und seines stählernen Gewissheitswillens. Rorty zufolge ist allen Menschen gemeinsam, gedemütigt werden zu können. Die Gewalt des Gewissheitswillens liegt in seiner Leugnung und Auslagerung eigener Ungewissheit, eigener Demütigbarkeit auf Kosten anderer.

Der Vortrag unterscheidet zwischen vier verschiedenen Formen des Zweifels: Autoritäre (Selbst-)Zweifel manifestieren sich in Form von Scham, Schuld und Selbsthass und sind zumeist Internalisierungen struktureller intersektionaler Gewalt. Politische Bewegungen wie BLM oder Metoo zeigen, wie autoritäre (Selbst-)Zweifel in anti-autoritäre Zweifel verwandelt werden können. Fallen sie auf fruchtbaren Boden, erzeugen sie anerkennende Zweifel. Sowohl anti-autoritäre als auch anerkennende Zweifel enthalten insofern ein kreatives Element, als nicht nur gewaltförmiges Zweifeln verlernt werden muss, sondern auch etwas Neues an dessen Stelle tritt.

Der kreative Zweifel ist ein widerständiger Impuls. Seine Widerständigkeit besteht deswegen jedoch nicht einfach in der Negation. Wenn der Common Sense ein monochromes Ja oder Nein ausruft, fungiert der Zweifel als Alarmsignal an der vorgeblichen Uniformität/Einstimmigkeit. Zum einen werden im Zweifel die Widersprüche und Ungereimtheiten des Selbstverständlichen spürbar, in der Widerständigkeit gegen diese vorgebliche Einstimmigkeit liegt seine Verneinungskraft. Der Zweifel wird zum Sensor für das Falsche im scheinbar Richtigen. Spürbar werden zum anderen die Ränder des Common Sense, von denen ein scheinbares Unisono glaubt, dass es dort nicht weiterginge. Dem setzt der kreative Zweifel ein Doch entgegen, bewegt sich also an den Rand und über ihn hinaus. Die Ränder des Common Sense sind die Ränder des Verständlichen, scheinbar Selbstverständlichen. Ihre Erkundung stellt deswegen „Flirts mit der Sinnlosigkeit“ (Frye) dar, weil durch sie die „Aufteilung des Sinnlichen“ (Rancière) verschoben wird. Darin liegt seine ermächtigende Bejahungskraft.

Kreatives Zweifeln ist Kriterien-Entsicherung. Verblüffenderweise empfinden wir diesen Vollzug der Entsicherung als lustvoll. Die Lust liegt in der unvorhersehbaren Mobilisierung der eigenen Maßstäbe auf der Suche nach einem Urteil, einem Standpunkt. Diese Lust hat mehrere Aspekte: einer davon ist der Aspekt der Befreiung, genauer gesagt einer Ent-Entfremdung. Er hat damit zu tun, dass jene Kriterien, die wir für unsere eigenen halten und mit deren Hilfe wir uns in der Welt zurechtzufinden hoffen, eigentlich gar nicht unsere eigenen sind. Sie sind es solange nicht, wie sie nicht in unseren jeweiligen Gesichtskreis getreten sind. Und normalerweise tun sie dies nicht, sondern befinden sich außerhalb dessen, hinter unserem Rücken. Wenn aber plötzlich die Kriterien hinter unserem Rücken hervortreten und sich zu erkennen geben, empfinden wir dies als lustvoll, weil sie uns nicht mehr bestimmen, sondern wir mit ihnen spielen können. Im Gewissheitskosmos denken und handeln wir mit Kriterien und empfinden ihre Infragestellung als Bedrohung, in kreativen Zweifeln werden diese Kriterien selbst spürbar und damit verhandelbar.

 

Zur Person:

Prof. Dr. Heidi Salaverría ist Professorin für Kunsttheorie und künstlerisches Handeln im Department Arts and Change an der Medical School Hamburg. Sie forscht zu einer politischen Ästhetik des Zweifels und aktuell zu Ansätzen reparativer Ästhetik. Im Fokus ihrer Arbeit steht die Artikulation einer nicht-identitären Subjektivität und, damit einhergehend, eines kritischen Common Sense. Zentrale Fragestellungen sind dabei die Verhältnisbestimmung von Kunst und Gesellschaft, politischer Urteilsbildung, von Anerkennung und Alterität und der Frage nach nicht gewaltförmiger Handlungsfähigkeit.
www.arts-and-social-change.de/about-us/team/heidi-salaverria/
www.salaverria.de/de/

Zum Einstieg:
www.theorieblog.de/index.php/2016/04/john-dewey-zweifel-wille-gewissheit/
weiter-denken-journal.de/fruehjahr_2019_plurale_identitaet/Schuldwut.php

journals.openedition.org/ejpap/2102
 

Zur Ringvorlesung:

Der Pragmatismus ist eine Philosophie des Neuen. Was sich kulturgeschichtlich bereits den Berichten der Forschungsreisenden des 17. Jahrhunderts entnehmen lässt, die ihr Staunen über die Einzigartigkeit der nordamerikanischen Natur zum Ausdruck bringen, die mittels der bestehenden Begriffe nicht adäquat erfasst werden könne, prägt die pragmatistische Philosophie auch in systematischer Hinsicht. So besteht die pragmatische Methode für William James wesentlich in einer Abkehr von bestehenden Kategorien und Prinzipien und einer Hinwendung zu einer gestaltbaren Wirklichkeit: Neue Aspekte der Erfahrung etwa können erst nach und nach in ein bestehendes Überzeugungssystem integriert werden, sodass Vorstellungen nur wahr genannt werden sollten, insoweit sie in befriedigender Weise zwischen der erschlossenen Vergangenheit und künftigen Erfahrungen vermitteln. Für John Dewey schlägt sich die zentrale Bedeutung des Neuen und Unerschlossenen vor allem sozialphilosophisch und bildungstheoretisch nieder. Erziehung müsse auf eine gesteigerte Handlungsfähigkeit und die Kompetenz zum Umgang mit noch unabsehbaren Erfahrungen abzielen und könne sich ebensowenig auf kanonischen Inhalten ausruhen, wie die Demokratie sich auf etablierte Institutionen zurückziehen könne. Da alle Lebensbereiche grundsätzlich einem Wandel unterliegen, komme es darauf an, das demokratische Miteinander als eine Lebensweise fortwährend im wechselseitigen Austausch aller neu zu erfinden. Für Richard Rorty mündet die Beschäftigung mit dem Neuen schließlich in einen ethischen Appell, der vor allem die Suche nach originären Möglichkeiten der Beschreibung der Welt, des Selbst und der Gemeinschaft adressiert. Liberale Ironikerinnen, so Rorty, hegen unablässig die Befürchtung, durch ihr gegenwärtiges Vokabular epistemisch und moralisch eingeschränkt zu sein, und seien daher um die wachsende begriffliche Erschließung alternativer Perspektiven bemüht, um blinde Flecken für das Leid anderer Menschen aufzulösen. Vor diesem Hintergrund werden im wöchentlichen Wechsel Expertinnen und Experten sowohl exemplarische Auseinandersetzungen mit einzelnen Positionen pragmatistischen Denkens als auch Kontinuitäten und Parallelen zwischen dem Pragmatismus und kontinentalen Strömungen sowie systematische Weiterentwicklungen präsentieren.

Das Institut für Philosophie lädt ein zur Ringvorlesung "Geschichte und Gegenwart des Pragmatismus", zu der wir in diesem Wintersemester zahlreiche renommierte Gastvortragende begrüßen dürfen. Die von Matthias Ernst Bähr und Dr. Dennis Sölch organisierte Veranstaltung findet montags von 16.30 bis 18.00 Uhr in 23.21U1.46 statt.

ICS

Veranstaltungsdetails

23.10.2023, 16:30 Uhr - 18:00 Uhr
Verantwortlichkeit: