09.09.2020 17:30

Ankündigung Ringvorlesung „Philosophie und Religion. Geschichte und Gegenwart eines Spannungsverhältnisses“

Das Institut für Philosophie lädt ein zur Ringvorlesung „Philosophie und Religion. Geschichte und Gegenwart eines Spannungsverhältnisses“, zu der wir in diesem Wintersemester zahlreiche renommierte Gastvortragende begrüßen dürfen. Die Veranstaltung musste im letzten Semester leider abgesagt werden und wird nun in fast gleicher Besetzung nachgeholt. Aufgrund der Corona-Schutzmaßnahmen können nur diejenigen teilnehmen, die zur Veranstaltung über das Studierendenportal zugelassen wurden. Organisiert wird die Veranstaltung gemeinsam von Dr. Dennis Sölch und Oliver Victor.

Der Begriff der Religion wird heute genauso inflationär verwendet wie jener der Philosophie. Kaum eine Form der fundamentalen Lebensorientierung scheint davor gefeit, alsbald zur Religion gekürt zu werden, wobei zugleich bei kaum einem anderen Begriff so leidenschaftlich darüber gestritten wird, was mit ihm eigentlich bezeichnet werden soll. Daraus ist zwar nicht notwendig abzuleiten, dass die Vielzahl von Religionsauffassungen einer möglichst umfassenden Definition zugeführt werden müssten, aber zumindest muss deutlich gemacht werden, was im Kontext der jeweiligen Diskussion unter Religion verstanden werden soll. Dies gilt umso mehr angesichts einer zunehmenden Tendenz in populären, philosophischen und fachwissenschaftlichen Werken der Religionskritik, Religion als grundsätzlich einheitliches Phänomen vorauszusetzen und in toto zurückzuweisen, weil es den Anforderungen einer objektiven, vorurteilsfreien Vernunft nicht genüge. Dabei wird oft übersehen, dass Philosophie und Religion seit Beginn der abendländischen Geistesgeschichte spannungsvoll aufeinander bezogen sind. In der Antike zählen religiöse Vorstellungen und der Rekurs auf Mythen zum üblichen Bezugsrahmen, mit denen sich der Mensch die Welt verständlich zu machen sucht, und auch der kosmische Logos der Stoa wird bisweilen als Gott im Singular oder Plural apostrophiert. Vom parmenideischen Lehrgedicht über die frühe Religionskritik eines Xenophanes durchzieht das Spannungsverhältnis von Philosophie und Religion die Spätantike und das frühe Mittelalter unter wechselnder Vorherrschaft. In der Scholastik teils zur ancilla theologiae degradiert, distanziert sich die Philosophie in der Neuzeit nicht nur explizit von der Religion, sondern stellt dem ,bloßen' Glauben eine theistische Vernunftreligion entgegen. Im Zuge des von Nietzsche eingeleiteten postmetaphysischen Zeitalters und des Fortschritts der empirischen Naturwissenschaften scheinen Philosophie und Religion zwar grundsätzlich getrennte Wege zu gehen, doch zeigt sich selbst bei einem streng analytischen Philosophen wie Ludwig Wittgenstein oder einem Poststrukturalisten wie Jacques Derrida ein Gespür für religiöse Dimensionen menschlicher Erfahrung, die zur philosophischen Durchdringung auffordern.

Die Ringvorlesung widmet sich dem Verhältnis von Philosophie und Religion sowohl in systematischer als auch in historischer Hinsicht. Expertinnen und Experten zum Forschungsgebiet bringen so im Laufe des Semesters zum einen unterschiedliche systematische Zugänge zu religionsphilosophischen Fragestellungen zur Sprache, zum anderen aber auch exemplarische Auseinandersetzungen mit repräsentativen Denkern und Texten. So lässt sich zum einen nach der spezifischen Erfahrung fragen, auf der religiöser Glaube beruht, ebenso wie nach Status und Anspruch religiöser Überzeugungen oder religiöser Aussagen. Das schließt auch den Begriff Gottes mit ein, der in der Metaphysiktradition von Aristoteles bis Whitehead ebenso zentral ist wie in der christlichen Theologie, ohne dass immer unmittelbar ersichtlich wäre, ob bzw. in welchem Maße beide zur Deckung kommen können. In diesem Zusammenhang wird auch die Frage relevant, inwiefern Bekehrungserfahrungen oder Empfindungen religiösen Eifers als Persönlichkeitsmuster losgelöst von spezifischen Glaubensinhalten verstanden werden können und in welchem Zusammenhang beides mit Formen des Extremismus oder Fundamentalismus steht. Zum anderen bietet der Versuch einer begrifflichen und phänomenologischen Konkretisierung dessen, was als Religion bezeichnet werden kann, Anlass zu einer Auseinandersetzung mit einzelnen Denkerinnen und Denkern, bei denen sich exemplarisch die Schwierigkeit einer klaren Trennung von Philosophie und Religion als distinkten Zugängen zur Wirklichkeit zeigt. Im Anschluss an die Vorträge besteht jeweils die Möglichkeit zur ausführlichen Diskussion.

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